GPR Jahrestagung 2016

Interview mit der Kongresspräsidentin, PD Dr. med. Thekla von Kalle
 
Strahlenschutz in der Kinderradiologie -
Wie Ärzte, MTRAs und Eltern auf Augenhöhe zusammenarbeiten
 
Stuttgart. (ka) Um neue Erkenntnisse in der Kinderradiologie geht es bei der  53. Jahrestagung der Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie (GPR) e. V. vom 15. bis 17. September 2016 in Stuttgart. Die internationale Fachgesellschaft der deutschsprachigen Kinderradiologen bietet nicht nur einen wissenschaftlichen Austausch für Experten aus den Bereichen Radiologie, Pädiatrie, Neuroradiologie, Nuklearmedizin und Kardiologie, sondern gleichzeitig auch aktuelle Fortbildungskurse für MTRA (Medizinisch-Technische Röntgenassistenten) und Ärzte. Einen ersten Einblick in die aktuellen Tagungsthemen und Schwerpunkte gibt die Tagungspräsidentin Priv.-Doz. Dr. med. Thekla von Kalle, Ärztliche Direktorin des Radiologischen Instituts des Olgahospitals Klinikum Stuttgart, mit rund 45.000 Untersuchungen im Jahr eine der größten kinderradiologischen Abteilungen in Deutschland.
 
K.A.:  Bei der 53. Jahrestagung der GPR werden wieder spannende neue Erkenntnisse in allen Bereichen der Kinderradiologie erwartet. Wie haben Sie diesmal die Schwerpunkte gesetzt?
 
Von Kalle: Ein wichtiger Schwerpunkt gleich zu Anfang unserer Tagung sind die onkologischen Leitlinien, welche festlegen, nach welcher Strategie Kinder mit bestimmten Krebserkrankungen diagnostiziert und behandelt werden. Hier haben wir Experten eingeladen, uns für ihr jeweiliges Fachgebiet eine aktuelle Zusammenfassung vor dem Hintergrund sich ständig weiterentwickelnder Therapien und radiologischer Techniken zu geben. Weitere Schwerpunkte sind die Bildgebung in Kinderorthopädie und Kinderrheumatologie, weil es für uns Kinderradiologen einerseits wichtig ist, Untersuchungstechniken und Befundungen an die neuesten Therapieformen anzupassen, andererseits aber auch die klassische Diagnostik von Skelettdysplasien zu trainieren. Zum Thema Pädiatrische Neuroradiologie werfen wir unter anderem einen Blick auf die neuesten molekularbiologischen Erkenntnisse über Hirntumoren, aber auch auf Kinder und Jugendliche, die unter chronischen Schmerzen leiden. Daneben beschäftigen wir uns mit den sehr speziellen, aber für Kinder ebenfalls sehr bedeutsamen Themen wie Bildgebung in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und der Herz-Diagnostik bei Kindern. Beim Thema „Lunge von der Fetalzeit bis zur Adoleszenz“  liegt der Fokus auf der Diagnostik von Spätfolgen angeborener Erkrankungen und ihrem Einfluss auf die spätere Lebensqualität. Nicht zuletzt geht es, wie z.B. auf der MTRA-Tagung am Freitag, auch um psychosoziale Aspekte beim Umgang mit kranken Kindern und deren Eltern.
 
K.A.:  Kinder sind wesentlich empfindlicher gegenüber Röntgenstrahlen als Erwachsene, so dass Strahlenschutz bei Kindern immens wichtig ist. Inwiefern bietet die spezialisierte bildgebende Diagnostik durch Kinderradiologen und kinderradiologisch geschulte MTRA entscheidende Vorteile?
 
Von Kalle: Ein wesentlicher Aspekt des Strahlenschutzes ist eine korrekte und strenge Indikations-stellung für jede Röntgenuntersuchung oder Computertomographie (CT). Dazu brauchen Kinderradio-logen genaue Kenntnisse über die besonderen, altersabhängig sehr unterschiedlichen Krankheitsbilder ihrer kleinen Patienten. Sie müssen u.a. einschätzen können, bei welchen Fragestellungen Verfahren ohne Röntgenstrahlen wie Ultraschall und Magnetresonanztomographie (MRT) genauso oder besser zum Ziel führen. Ist eine Röntgenuntersuchung oder CT indiziert, spielen die MTRA eine entscheidende Rolle im Strahlenschutz, da sie die Geräte einstellen und die Untersuchungen auch durchführen. Nicht zuletzt ist für eine rasche und sichere Diagnosestellung natürlich die korrekte Interpretation der Bilder wichtig. Um die dazu notwendigen Fähigkeiten zu erwerben, durchlaufen Kinderradiologen im Anschluss an ihre Facharztweiterbildung Radiologie eine dreijährige Zusatzausbildung. MTRA erwerben die notwendigen Kenntnisse durch Kurse, Fortbildungen und praktische Tätigkeit in einer kinderradiologischen Abteilung.
 
 
 
 
 
K.A.:  Strahlenschutz ist ein zentrales Anliegen der GPR. Welche neuen Erkenntnisse werden bei der Tagung vorgestellt, gibt es dazu aktuelle Forschungsergebnisse und Studien?  Welche Rolle spielt noch das Röntgen angesichts der guten Möglichkeiten von MRT und Sonographie?
 
Von Kalle: Untersuchungen mit Röntgenstrahlen sind aus der modernen Medizin nicht wegzudenken. Zur Beurteilung von Knochen- oder Lungenerkrankungen und beim akuten Trauma bieten Röntgen-aufnahmen und CT auch für Kinder beste und oft lebensrettende diagnostische Möglichkeiten. Mit der Weiterentwicklung dieser Techniken ist aber die Strahlenexposition der Bevölkerung durch medizini-sche Diagnostik in den letzten Jahren weiter gestiegen. Da Röntgenstrahlen für Kinder ein wesentlich höheres Risiko darstellen als für Erwachsene, ist der Strahlenschutz von besonderer Bedeutung und spielt daher in fast allen Sitzungen eine Rolle. Ganz besonders werden wir uns am Freitagnachmittag in der Sitzung zum Thorax-CT mit den neuesten Techniken zur Dosisreduktion beschäftigen.
 
K.A.:  In diesem Jahr werden international bekannte Referenten erwartet, ihre Vorträge gehören zu den Highlights des Kongresses. Welche wären besonders hervorzuheben?
 
Von Kalle: Wir haben bewusst Experten anderer pädiatrischer Fächer zu unserer Jahrestagung geladen, um uns möglichst umfassend zu informieren und interdisziplinär auszutauschen. Wir sind ein wenig stolz, dass mit Prof. Stefan Bielack einer dieser renommierten Referenten aus dem Olgahospital Klinikum Stuttgart kommt. Er hat in diesem Jahr für seine langjährigen Arbeiten zum Osteosarkom den Deutschen Krebspreis erhalten. Gleich am ersten Tag wird er uns einen Bericht über den neuesten Stand der diagnostischen Empfehlungen geben. Aus Stanford, USA, kommt Prof. Beverley Newman, eine international anerkannte Expertin zum Thema Thoraxdiagnostik bei Kindern. Prof. Johannes Roth aus Ottawa, Kanada, wird uns berichten, welchen Einfluss die Ultraschalldiagnostik auf Therapieentschei-dungen bei rheumatischen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen hat. Eine weniger weite Anreise hat Herr Prof. Stefan Pfister vom Universitätsklinikum  Heidelberg, der uns über aktuelle Forschungs-ergebnisse zu kindlichen Hirntumoren informieren wird, für die seine Arbeitsgruppe bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Persönlich freue ich mich ganz besonders, dass Herr Prof. Jens Frahm vom Max-Planck-Institut in Göttingen meine Einladung angenommen hat, am Freitag den Festvortrag zum Thema „MRT in Echtzeit“ zu halten. Hinter diesem etwas unscheinbaren Titel steckt eine revolutionäre Weiterentwicklung der MRT-Technik, die es den Forschern erlaubt, MRT-Filme in Echtzeit zu erstellen.
 
K.A.:  Wie vielfältig die Kinderradiologie aufgestellt ist und welchen hohen Stellenwert sie hat, wird in der Themenvielfalt des wissenschaftlichen Programms deutlich. Welche der aktuellen Tagungsthemen liegen Ihnen besonders am Herzen?
 
Von Kalle: Wie Sie schon aus der genannten Reihe der Referenten erkennen können, ist uns
interdisziplinäre Zusammenarbeit sehr wichtig. Eine der Aufgaben der Kinderradiologie ist ihre Schnittstellenfunktion zwischen den verschiedenen klinischen Disziplinen einer Kinderklinik. Denn die Mediziner in Chirurgie und Orthopädie, Onkologie und Rheumatologie, Pulmonologie und Neonatologie sowie Neuropädiatrie und HNO-Abteilung sind bei der Behandlung der kleinen Patienten auf die speziellen Erkenntnisse aus Ultraschall, Röntgenuntersuchungen, MRT und Computertomographie (CT) angewiesen. Manche Kinder kommen bereits als Fetus während der Schwangerschaft zu uns zur Diagnostik, so dass wir auch mit Geburtshelfern zusammenarbeiten. Für die Kinder ist es von großem Vorteil, wenn alle betreuenden Ärzte ihr Vorgehen gut abstimmen. Nur so kann man unnötige Untersuchungen vermeiden oder mehrere schmerzhafte diagnostische und therapeutische Eingriffe möglichst in einer einzigen Narkose unterbringen und die Belastung der Kinder gering halten. Auch wenn das paradox klingt, Kinder haben häufig seltene Erkrankungen wie angeborene Fehlbildungen oder Stoffwechselstörungen, die auch Experten nur dann schnell diagnostizieren können, wenn alle ihren Beitrag dazu leisten. Übrigens zeigt das Grußwort, dass Herr Dr. Enninger, Ärztlicher Zentrumsleiter, uns ins Programmheft geschrieben hat, dass unsere Kollegen der Pädiatrie dies genauso sehen. Zu dieser Zusammenarbeit gehört natürlich auch der Austausch mit den niedergelassenen Pädiatern. Neben der Jahrestagung der Kinderradiologen ist mir daher der Fortbildungskurs, der sich am Samstag vor allem an Kinderärzte richtet, ein besonderes Anliegen.
 
 
 
 
 
K.A.:  Ein Blick ins Tagungsprogramm zeigt auch, wie hoch die Anforderungen an Kinderradiologen und MTRA sind. Wie kann es gelingen, dass Ärzte und Fachpersonal gemeinsam mit den Eltern bestmöglich mit den Bedürfnissen der Kinder umgehen? 
 
Von Kalle: Ein gebrochener Fuß, ein verschlucktes Centstück, ein gequetschter Finger – mit solchen Unfällen, aber manchmal eben auch mit dem Verdacht auf eine Tumorerkrankung bringen Eltern ihre Kinder ins Krankenhaus. Die Kleinen weinen, haben Angst, zappeln. Kinderradiologen und MTRA müssen auf die speziellen Bedürfnisse ihrer kleinen Patienten eingehen. Diagnosen müssen rasch und mit möglichst geringer Strahlenbelastung gestellt werden. Wenn Kinder an chronischen Erkrankungen leiden, werden die vielen dadurch notwendigen Untersuchungen für sie meist nicht leichter zu ertragen. Die Anforderungen an das Fachpersonal sind hoch, sowohl was den medizinisch-technischen Teil als auch den psychosozialen Aspekt angeht. Und um dem Wohl des Kindes gerecht zu werden, müssen Ärzte, MTRAs und Eltern auf Augenhöhe zusammenarbeiten.
Neben den bereits genannten fachlichen Besonderheiten ist die geschickte, kindgerechte und möglichst schnelle Durchführung der Untersuchungen in der hochtechnisierten Umgebung einer radiologischen Abteilung eine besondere Herausforderung. Dazu benötigen sowohl Ärzte als auch MTRA viel Erfahrung, Einfühlungsvermögen, Geduld und vor allem die Hilfe der Eltern. Denn je besser die Eltern informiert sind und die Entscheidung zur Untersuchung mittragen, desto einfacher lässt sich ein Kind untersuchen. Auch die ganz Kleinen spüren schon sehr deutlich, wie ihre Eltern zu dem stehen, was die Mediziner von ihnen verlangen.
 
K.A.:  Wir bedanken uns sehr herzlich für das Interview!
 
 
Weitere Informationen finden Sie auf der Tagungshomepage: www.gpr-jahrestagung.deJournalisten sind herzlich zur GPR-Tagung im GENO-Haus Stuttgart eingeladen.
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Akkreditierungen bitte direkt über den Pressekontakt.
 
 
 
Pressekontakt:
Kerstin Aldenhoff
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