Rezension "Referenz Radiologie – Kinderradiologie"

Bei dieser Rezension handelt es sich um eine völlig subjektive Wahrnehmung und Einordnung der Autorin. Bewusst wurde mit keinem/r der Autor;innen vorab über das Buch oder die Rezension gesprochen.

Die Anzahl an guten deutschsprachigen Kinderradiologiebüchern ist so begrenzt, dass vermutlich alle bibliophilen Kinderradiolog;innen mit eigenem Regalbrett auf der Arbeit die gleichen oder fast die gleichen Werke dort stehen haben. So ist es eine nicht zu unterschätzende Bereicherung, dass im Rahmen der Reihe Referenz-Radiologie von Thieme ein neues dazu kommt. Es gibt zwar ein älteres Buch in der RRR-Reihe von Thieme, das vielen bekannt sein dürfte. Die Herausgeberin im aktuellen Werk ist aber Gundula Staatz, die auch Herausgeberin der Pareto-Reihe „Kinderradiologie“ ist. Es handelt sich also nicht um eine Neuauflage, sondern um ein tatsächlich anderes Buch in erster Auflage. Der Vergleich mit dem „älteren Geschwister“ aus der Paretoreihe wird erlaubt sein und weiter unten besprochen.

Das Buch macht beim ersten Öffnen einen sehr wertigen Eindruck. Wie von den Hard-cover-Thiemebüchern dieser Preisklasse gewöhnt, ist der Einband stabil, die Oberfläche ist strukturiert und die Farben sind satt. Beim Öffnen verbreitet das hochwertige Papier den beglückenden Geruch von noch nicht akquiriertem Wissen, das nun direkt unter der eigenen Nase liegt. Diese sensorische Erfahrung möchte man bei einem Ladenpreis von knapp über 200 Euro aber auch nicht missen.

Das Autor;innenverzeichnis ist illuster. So hat sich eine Mehrzahl der Mitwirkenden bisher nicht nur einen fachlichen, sondern auch insbesondere einen didaktischen herausragenden Ruf erarbeiten können, was dem Buch, um es vorweg zu nehmen, sehr zu Gute kommt.

Die Gliederung ist übersichtlich nach Organsystemen und ähnelt stark dem Aufbau aus der Pareto-Reihe, allerdings ist der Inhalt deutlich weiter gefasst, so dass sich in den meisten Abschnitten mehr Unterkapitel finden. Insbesondere die pädiatrische Neuroradiologie findet eine Betonung, die den Bedarf in der Kinderradiologie gut wiederspiegelt.

Insgesamt sind alle 139 Pathologien/Pathologiegruppen so alltagsrelevant, dass sie nach eigener Erfahrung in weniger als zwei Jahren kinderradiologischer Ausbildung an einer kleineren Uniklinik, alle, und wenn auch nur als wesentliche Differentialdiagnose, auftauchen. Es handelt sich also nicht um eine Sammlung von Seltenheiten und Seltsamkeiten, sondern um ein Lehrbuch. Den Verfasser;innen sei der Verzicht auf Eitelkeiten in diesem Bezug gedankt.

Der Aufbau der einzelnen Kapitel zieht sich stringent durch das Buch, wobei sinnhafter Weise nicht jeder Unterpunkt überall zu finden ist. Die Abschnitte „Methode der Wahl“ und „Pathognomonische Befunde“, als auch „typische Fehler“ werten den praktischen Nutzen des Buches noch einmal auf.

Besonders hervorgehoben werden kann die Bildqualität der diagnostischen Aufnahmen. Auch diskrete Pathologien lassen sich gut erkennen. Das spart Zeit, denn ein Nachrecherchieren nach Beispielbefunden bleibt zumeist erspart. In der Mehrzahl befinden sich die Bilder auch auf der Doppelseite der Beschreibung im Text, so dass nicht viel geblättert werden muss. Die Schemazeichnungen sind sehr eingängig, leider aber nur im Kapitel Gastrointestinaltrakt zu finden. Andere Kapitel hätten sicher auch davon profitiert.

Sehr nützlich ist die Auswahl der Literatur zur Vertiefung. Die Vorschlagslisten sind kurz und sorgsam ausgesucht, vieles davon lässt sich auch ohne Erwerb teurer Fachbücher online beziehen.

Kritisch darf angemerkt werden, dass in einzelnen Kapiteln Begriffe verwendet werden, die vorher nicht eingeführt wurden und sich der radiologischen Allgemeinbildung entziehen. Das erschwert den schnellen Übersichtsgewinn.

Für eine neue Auflage sind ansonsten lediglich ein paar Kleinigkeiten wünschenswert: Die Emailadressen der Verfasser;innen vereinfachen die Kontaktaufnahme. Kaum jemand wird derzeit noch einen Brief auf den Weg bringen, um eine Nachfrage zu stellen. Die weiterführende Literatur sollte darauf geprüft werden, ohne großen Aufwand verfügbar zu sein.

Ein kurzer Vergleich zum alternativen Buch aus der Paretoreihe von 2007, welches es für rund ¼ des Preises, gebraucht noch günstiger, zu haben gibt: Einige Themen sind inhaltsgleich, andere zumindest inhaltsähnlich; allerdings werden bei Weitem nicht alle Themen des hier besprochenen Buches in dem deutlich kleineren Buch behandelt. Es formuliert entsprechend seines Titels auch nicht den Anspruch, die Kinderradiologie umfänglich abzubilden, sondern eben 80%. Unter Beachtung von Seitenzahl und Blattgröße steht der Referenz-Radiologie knapp das dreifache an Druckfläche zur Verfügung. Das macht sich bereits an Komfortkriterien, wie der angenehmeren Zeilenhöhe (4,5 mm vs. 3,3mm) und der besseren Seitenaufteilung bemerkbar. Wichtiger sind aber sicherlich das Mehr an Abbildungen, die zusätzlichen Kapitel, als auch die Ergänzungen zu den in beiden Büchern dargelegten Pathologien. Manch einer mag auch Wert auf Informationen auf dem aktuellen Stand der Technik legen, die im aktuellen Buch gut dargestellt werden. Ein weiterer Vorteil, zumindest bei individueller Anschaffung, ist das enthaltene e-learning Angebot, das nicht nur den reinen Text, sondern auch Videosequenzen umfasst.

Besonders empfohlen werden kann das Buch Referenz Radiologie – Kinderradiologie für zukünftige Kinderradiolog;innen, für den Alltag, aber auch zum Nachschlagen. Es bietet ebenso eine gute Basis zur Prüfungsvorbereitung. Hier ist kein Kapitel verschenkt und die ansprechende Aufmachung vereinfacht das Lernen. Damit geht einher, dass es nicht vollumfänglich sein kann und zur Vertiefung mit anderen Quellen einlädt.
Ähnliches gilt für Kolleg;innen in der Niederlassung, hier sind sicher nicht alle Kapitel gleich relevant, aber bei fraglichen Befunden ist sehr schnell ein guter Einstieg gefunden.

Für Weiterzubildende ohne besonderes kinderradiologisches Interesse oder Expert;innen anderer Schwerpunkte hingegen, mag das kleinere Buch aus der Paretoreihe genügen, auch zum Lernen für die Facharztprüfung ist es nur bei einem sehr großzügigem Zeitplan geeignet. Sollte es aber in der Nähe sein, nutzen Sie es doch mal als Nachschlagewerk, die Lektüre macht Freude.

So Sie als Weiterbildungsberechtigte/r darüber nachdenken, die Handbibliothek ihrer radiologischen Abteilung aufzuwerten oder Sie im Rahmen der Facharztausbildung auch in pädiatrischer Radiologie ausbilden, ist dieses Buch sicher eine Bereicherung.

Dr. med. Katharina Ronstedt, MBA

Das Buch wurde der Autorin zum Zwecke der Rezensionserstellung kostenlos vom Verlag überlassen, es gab keine Einflussnahme auf den Text.